Dienstag, 11. August 2015

Gendereien, Genderismus, großes Binnen-I und Unterstrich

Alfred Werner ging nach draußen, jemand hatte die Balkontür geöffnet, er zog die frische Luft für den Moment der Kaffeetasse vor. Er hatte über die Wiener Moderne und die Psychologie gesprochen, Hofmannsthal-Tagung, da konnte er mit gemütlichem Nicken rechnen. Sein Lieblingsthema traf hier auf Verständnis, war guter wissenschaftlicher Common Sense. Das hatten ihm auch die Blicke der Zuhörer gesagt.

Isabelle Gröblich trat auf ihn zu, Werner ahnte Zuspruch für seinen Vortrag im Allgemeinen und Kritik im Detail, die üblichen wissenschaftlichen Höflichkeiten. Sie sagte: „Danke für den Vortrag, sehr klar und auch überraschende Thesen. Aber dieser Maskulinismus, das hat mich geärgert, immer wieder sagten Sie, die Autoren, die Schriftsteller, die Leser. Da konnte ich irgendwann gar nicht mehr zuhören. Es gab ja auch Frauen in Wien, sogar schon um 1900. Da können Sie jedenfalls von ausgehen.“ „Jaja“, antwortete Werner, „die Frauen waren genauso gemeint, Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Leser. Dass man jetzt schon mit einer Fußnote jedes Mal die grammatischen Regeln erläutern muss: In die männliche Form sind die Frauen, bitteschön, eingeschlossen.“ „Mich stört diese Ignoranz“, sagte Gröblich, „dieser Sprach-Chauvinismus, Ihre sprachliche Unterdrückung der Frau. Und ich verstehe gar nicht, wie Sie, als jemand, der mit Sprache arbeitet, das nicht einsehen wollen. Die Frau wird geradezu negiert, wenn Sie so reden.“ Werner blieb ruhig: „Falls Sie weiter mit mir über gerechte Sprache diskutieren möchten, bitte ich Sie, mich nicht weiter zu siezen, sondern zu erzen. Sie negieren sonst, das möchte ich festhalten, meine Männlichkeit.“ „Jetzt klingen Sie“, sagte Gröblich, „wie der pensionierte Deutschlehrer, der behauptet, es sei doch Unsinn mit der ungerechten Sprache, denn es heiße doch DIE Männer – und das sage er mir, möchte ich anfügen, DER Frau.“

Diese Begebenheit hat sich selbstverständlich so nicht zugetragen. Auf einer Hofmannsthal-Tagung wird feiner, präziser, gewählter diskutiert. Herr Alfred Werner – PD Dr. im übrigen – musste für eine kleine akute Gereiztheit herhalten, und Frau Isabelle Gröblich, Professorin, ebenso.

Im Freitag wurde vor einer Woche der Schriftsteller Thomas Meinecke interviewt, der nicht als Mann bezeichnet werden möchte, sondern dann schon eher als Nicht-Mann. Nun ist es ja äußerst erfreulich, wenn ein Schriftsteller sich anschickt, Sprachungerechtigkeiten anzugehen. Vor allem einfach deshalb, weil das, was bisher aus feministischer Perspektive vorgeschlagen wurde, soweit ich sehe, fast ausschließlich grässliches Deutsch – oder, Kalauer, Herr Meinecke, Nicht-Deutsch – ist: großes Binnen-I und Unterstrich, es tut mir Leid, das kann doch keineR und KEINEr und keine(r) gewollt haben.

Also das wäre ja erfreulich, wenn da ein paar witzige Ideen entstünden, wie bestimmte Muster sprachspielerisch zu unterwandern wären. Kein Grund zu ärgern hierbei also. Und über schlechte Sprache eigentlich auch nicht, wo käme man und ich mit frau da hin – wer da nur anfinge mit dem Ärgern.

Mir wurde allerdings wieder allzu deutlich, was für Scheingefechte da gefochten werden: Als Schriftsteller, also als Autor, als männlicher Romancier, sich hinzustellen und sich den weiblichen Blick zu attestieren, ach du liebe Güte, das ist so originell wie der Herrenwitz im Schützenverein.

Vor allem aber: Es ist eine Diskussion, die soweit entfernt von dem ist, was die meisten – Damen und Herren – in Deutschland ihre Realität nennen würden, wie meine Wohnung von den Bildern in Architectural Digest. Trotzdem schön darin zu blättern, aber mir soll nicht ständig jede Besucherin diese Bilder unter die Nase reiben, wenn sie meine Wohnung betritt. Über einen gewissen Genderei-Verdruss derzeit braucht man sich nicht wundern.

Quellen: Für den "literarischen" Einstieg waren folgende Quellen bedeutsam (deren Argumente ich hier ausdrücklich gar nicht diskutiere):

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